Friede Springer auf dem European Publishing Congress für ihr Lebenswerk geehrt: “Ich hänge an meinem Haus” (FOTO)

Friede Springer auf dem European Publishing Congress für ihr Lebenswerk geehrt: “Ich hänge an meinem Haus” (FOTO)Wien (ots) –

Ein festlicher Höhepunkt auf dem European Publishing Congress in
Wien: Am Montagabend zeichnete “kress pro” Friede Springer mit einem
Preis für ihr Lebenswerk aus.

“Man muss seinen eigenen Weg finden”, sagte die Geehrte, die 1978
Axel Springer geheiratet hatte, in einem kurzen Bühnen-Interview und
bilanzierte damit ihr langjähriges Wirken in dem Berliner
Traditionsverlag. Sie sprach dabei mit dem “kress pro”-Chefredaketur
Markus Wiegand, der ihr vor der Festversammlung aus 300 Medienprofis
im Wiener Rathaus den Preis überreichte. “Der Verlag ist mein Leben,
ich hänge an meinem Haus”, sagte Springer über Springer.

Mit großer Liebenswürdigkeit und sanfter Ironie hielt in Wien
Sebastian Turner, “Tagesspiegel”-Herausgeber die Laudatio auf Friede
Springer.

Hier der Wortlaut von Sebastian Turners Festrede:

Üblicherweise beginnt ein Berufsleben mit einfachen Aufgaben, die
sich dann nach und nach in Anspruch und Komplexität steigern. Bei
Friede Springer war es genau umgekehrt. Ihr berufliche Laufbahn
begann mit der anspruchsvollsten Verantwortung, die in einer
Unternehmerfamilie übertragen werden kann: die Erziehung der Kinder,
die Heranbildung der nächsten Generation. Friede Riewerts dürfte
gleich am ersten Arbeitstag die Dimension ihrer Aufgabe deutlich
geworden sein. Als sie 1965 im parkartigen Garten einer Hamburger
Grossbürgervilla zum ersten Mal dem dreijährigen Raimund Nicolaus
Springer begegnete, blicke der kleine Junge sie nur kurz an und sagte
dann: “Hau ab”. Schon am ersten Tag haben Sie eine Eigenart der
Verlagsbranche kennengelernt. Auch die Kleinsten haben ein grosses
Ego.

Wenn man das halbe Jahrhundert ihrer Tätigkeit für und mit und an
Stelle Axel Springers betrachtet, stellt man sich unwillkürlich die
Frage: Kann es sein, dass Friede Springer in all den Jahrzehnten
tatsächlich immer die gleiche Aufgabe hatte? Ging es nicht immer um
die Erziehung verhaltensauffälliger Jungs? Dann wäre ihr erstes
berufliches Leben als Kindererzieherin die beste, ja vielleicht die
einzig mögliche Vorbereitung auf das Lebenswerk, das wir heute
würdigen.

Der zweite Teil Ihres Berufslebens begann 1985 mit einem traurigen
Ereignis. Ihr Mann stirbt. Die Rahmenbedingungen, unter denen Sie
beginnen, sein Werk fortzusetzen, sind so kompliziert, dass es an
dieser Stelle unmöglich ist, sie angemessen darzustellen. In der
Biografie, die der Bonner Zeithistoriker Hans-Peter Schwarz über Axel
Springer als eine der prägenden bundesrepublikanischen
Persönlichkeiten verfasst hat, füllt die Unordnung im Augenblick
seines Todes ganze Kapitel.

Das Who-is-Who der westdeutschen Wirtschaftselite, darunter der
Vorstandschef einer deutschen Bank, dazu bedeutende Berater, hat ein
Durcheinander angerichtet, das man nur mit einem Kinderzimmer
vergleichen kann, in dem pubertierende Jungs ein sturmfreies
Wochenende lang gefeiert haben.

Die bittere Lehre: Nur weil ein Berater teuer ist, heißt nicht,
dass sein Rat auch einen Wert hat.

Das Unternehmen leidet, die Berater kassieren. In den ersten
Jahren wird mehr Geld für Abfindungen ausgegeben, als das Unternehmen
Gewinn macht. Als Haupterbin und Mitglied des Aufsichtsrates stehen
sie inmitten des Sturms und sind doch nicht die Frau am Steuerrad. Es
dauert Jahre, bis bei Ihnen der Gedanke und schliesslich der Wille
reift: Selbst ist die Frau. Leider lässt der kurze Abend nicht zu,
diese prägende und für Sie sicher oft belastende Zeit aufzufächern.
Nicht nur die Männerbande in Goldknopfjackets unterschätzt Sie, auch
Sie selbst trauen sich Ihre Rolle nicht zu. Sie machen Lehrjahre
durch, die für viele, die heute vor der Aufgabe stehen, ein
Unternehmen in die Zukunft zu führen, wichtige Erfahrungen
bereithalten. Wer heute einen Verlag erbt, sollte mit dem Testament
auch ein Exemplar Ihrer Biografie ausgehändigt bekommen. Die Lehre
dieser Jahre: Sie ändern Ihren Pfad. Sie arbeiten nicht mehr im
System, sie arbeiten am System. Es ist der fundamentale,
entscheidende Schritt, der einen Unternehmer ausmacht.

Vielleicht hat Sie am Ende Ihre Mutter inspiriert, die über Jahre
mit größter Selbstverständlichkeit den Familienbetrieb auf Föhr
geschmissen hat. Erst, weil ihr Vater im Krieg war, dann weil er
aufgrund einer Verwundung in manchen Tätigkeiten eingeschränkt war.

Friede Springer schiebt die Anwälte beiseite, trennt sich von den
teuren Angestellten, die nur Dienstag-Mittwoch-Donnerstag erscheinen,
und setzt Ihre Vorstellungen auch gegen Widerstände durch. Am
markantesten sind zwei Personalentscheidungen, über die die ganze
Branche den Kopf schüttelt. Die jetzt kommenden Jahre, in denen sich
Ihr Unternehmen wieder an die Spitze der Branche stellt, werden von
einem Dreigestirn gestaltet, mit dem Sie der farblosen Vereinigung
von Kaufleuten und Juristen an der Spitze anderer Medienhäuser das
Staunen beibringen. Neben Ihnen, der Friesin von der Inselgärtnerei,
wirken ein sizilianischen Arzt, der mit 13 Geschwistern aufgewachsen
ist, und ein rheinischer Musikwissenschaftler, der deprimierende
Erfahrungen aus darbenden Printmedien mitbringt: Guiseppe Vita, der
langjährige Chef von Schering als Vorsitzender des Aufsichtsrates und
Mathias Döpfner als Chef des Vorstandes.

Ihre besondere Gabe im Umgang mit Kindern aller Altersstufen zeigt
sich bei einer zentralen Entscheidung in einer für den Verlag
besonders prekären Situation. Als das Unternehmen einen hohen
Millionenbetrag mit dem Post-Konkurrenten Pin versenkt, suchen Sie
kein Bauernopfer, um es dann symbolträchtig vor die Tür zu setzen.
Sie sagen mit pädagogischer Klugheit, wir haben den Fehler gemeinsam
gemacht und jetzt bügeln wir ihn auch gemeinsam aus.

Drei weitere kluge Weichenstellungen prägen Ihr Wirken im Verlag –
und dreimal erreichen Sie Ziele, an die Ihr Mann trotz seiner großen
Erfolge nicht gelangen sollte.

Erstens im Ausland: Ihr Mann hat sich immer zurückgehalten mit
Engagements im Ausland. Sie sind heute ein globales Unternehmen mit
ersten globalen Marken.

Zweitens Digitalisierung: Ihr Haus hat nicht als erstes, aber dann
um so entschlossener die Digitalisierung als Chance erkannt und dann
massiv und mit grossem Erfolg in digitale Rubrikenmärkte investiert.
Vor zwanzig Jahren hatte die FAZ ein unbezwingbares Monopol auf
gedruckte Stellenanzeigen für Führungskräfte. Ihr Mann konnte dieses
Monopol nicht brechen. Ihnen ist es durch die Akquise von Stepstone
in der digitalen Welt gelungen. Um technisch voranzukommen, hat Ihr
Mann mit dem Gedanken gespielt, das damals technisch führende
Unternehmen Xerox an seinem Verlag zu beteiligen. Sie haben
Investoren und ihr Knowhow aus dem Silicon Valley tatsächlich
gewonnen und sind selbst an aufsteigenden Technologieunternehmen
beteiligt.

Drittens die Lösung vom Elternhaus: Sie haben sich von der
Keimzelle des Hauses, dem Hamburger Abendblatt und auch der Hörzu,
verabschiedet und beides mitsamt anderen, identitätprägenden Blättern
verkauft. Ihr Mann hat derartige Entscheidungen immer wieder erwogen
und dann doch nicht vollzogen, etwa den bereits beschlossenen Verkauf
der “Welt” an die “FAZ”. Er hat ihn in allerletzter Sekunde
rückgängig gemacht, wie bei Hans-Peter Schwarz zu lesen ist.

Das “Abendblatt” und die “Hörzu” gelten als erste Geniestreiche
Ihres Mannes. Als er auf dem Zenith seines Ansehens als
einfallsreicher Wirtschaftswundermann stand, lernten Sie ihn kennen.
Sein damaliger Ruf, Mitte der 60er Jahre, wäre heute wohl mit dem
eines Silicon Valley Unicorn-Gründers vergleichbar.

Ich bin Ihrem Mann erstmals Ende der Siebziger Jahre begegnet. Er
wurde mir von Heinrich Böll, dem späteren Literaturnobelpreisträger,
vorgestellt, wie vielen anderen Schülern auch – im Deutschunterricht.
Auf Bölls “Die verlorene Ehre der Katharina Blum” folgte Wallraffs
“Aufmacher”. Ihr Mann und sein Verlag erschienen einer ganzen
Generation als Dämonen.

In den einschlägigen Biografien ist zu lesen, wie diese Zeit von
Ihnen erlebt und erlitten wurde, wie es die von Ihnen großgezogenen
Kinder Ihres Mannes belastet hat. Heute, vierzig Jahre später,
versteht man Ihr Motto: “Heute ist der Tag, der mir gestern so viele
Sorgen bereitet hat.”

Eine ernste Sorge drängt sich auf, wenn man Ihr Leben betrachtet.
Von der unbekannten friesischen Gärtnertochter zur bestimmenden Figur
eines der bedeutendsten und heute wieder erfolgreichsten
Nachkriegsunternehmen in Mitteleuropa. Glanz und Einfluss, auf dem
Weg dorthin Schicksalsschläge und Enttäuschungen, Intrigen und
Machtkämpfe, an denen andere zerbrochen wären. Bester Stoff für den
Boulevard. Wie kann man eine Frau mit einer solchen Lebensgeschichte
nur davor schützen, in die unerbittlichen Mühlen der Boulevardpresse
zu geraten?

Auch da fanden Sie einen überzeugenden Ausweg – Ihnen gehört die
größte Kaufzeitung auf dem Kontinent, das hat manchmal auch ganz
praktische Vorteile.

Man kann Ihr Lebenswerk nicht besprechen, ohne auf Ihre wichtigste
Publikation einzugehen. “Bild”. Das stellt einen Lobredner, der eine
Zeitung herausgibt, die sich um Differenzierung bemüht, vor eine
nicht ganz einfache Aufgabe, die ich mit einem Umweg angehen möchte.
Die populistische Welle, die die ganze Welt von Washington über
Westminster bis Wien erfasst, hat dort am schlimmsten die
Gesellschaft gespalten, ja zerstört, wo verantwortungslose Politiker
auf verantwortungslose Medien treffen. Trump wurde auch von Fox News
und Facebook gemacht. Der Brexit ist auch das Werk von “The Sun” und
Cambridge Analytica. Niedere Gesinnung in hohen Positionen ruiniert
das Gemeinwesen. Was das für Österreich bedeutet, das entscheiden die
Zurückgebliebenen. Die Familie Turner wurde 1732 als protestantische
Glaubensflüchtlinge aus Filzmoos vertrieben und beschränkt sich
seither bei der Medienbeobachtung auf das deutsche Flachland.

Von diesem tiefen Blickwinkel aus kann man sogar der
“Bild”-Zeitung etwas Erhebendes abgewinnen. Dass Deutschland vielen
Flüchtlingen helfen konnte, ohne dass Hassprediger in die Regierung
eingetreten sind, das ist auch der “Bild”-Zeitung zuzuschreiben, die
sich in dieser Phase so verantwortungsbewusst verhalten hat, wie es
sich die Schüler von Böll und Wallraff nicht hätten vorstellen
können.

Die Medien von Friede Springer zerstören nicht die freiheitlichen
Grundlagen, ohne die es sie gar nicht geben könnte. Das ist heute
absurderweise keine Selbstverständlichkeit.

Liebe Frau Springer, “Bild” scheint gebändigt, Ihr Haus ist als
eines der ersten transformiert für die Zukunft – die Zeit ist reif
für die dritte Phase Ihres Berufslebens. Sie haben sich und Ihrer
Stiftung ein Thema vorgenommen, das Sie seit Kindheitstagen
begeistert. Die Wissenschaft. Mit Ihrem Vater haben sie sich als Kind
immer um die Wissenschaftsseite in der Zeitung gestritten, haben Sie
erzählt.

Dem Wissenschaftsbetrieb kann es nur gut tun, wenn sich dort
Menschen engagieren, die wissen, wie man von der Arbeit im System zur
Arbeit am System kommt. Dem Wissenschaftsbetrieb kann man nur raten,
Sie nicht so zu unterschätzen, wie die Verlagsszene, als Sie dort vor
über dreißig Jahren aktiv wurden.

Liebe Frau Springer, Sie haben mit Gaben, die im Medienbetrieb
selten sind, eine erstaunliche Unternehmerinnengeschichte
geschrieben. Gut möglich, dass man eines Tages sagen wird, dass Ihr
unternehmerisches Werk das Ihres Mannes nicht nur ebenbürtig
fortgesetzt, sondern sogar noch übertroffen hat.

Pressekontakt:
Johann Oberauer, Tel. +43 664 2216643

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